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06.01.2008 12:00

"Weihnachtschristentum" blendet Passion aus / "Glauben nicht auf allseits genehmen Ästhetizismus reduzieren"

Für eine authentisch christliche Feier von Weihnachten / Weihnachtspredigt von Pastor Rolf Dehm.

Christentum ist keine abstrakte, unveränderliche Größe, die keiner sichtbaren Anschauungswelten bedürfte. Christentum hat stets eine zeitbedingte Ausprägung. Darum nagt an ihm auch der Zahn der Zeit. So muss es sich immer neu sein passendes Gewand suchen. Das ist das Wesen der ecclesia semper reformanda, die sich immer zu erneuern hat. Sie muss sich neu einkleiden.

Aber zu gewissen Zeiten sind solch umwälzende Veränderungen im Gange, dass es für die Kirche nicht ausreicht, nur ein paar neue, modischere Gewänder auszusuchen, sondern dass sie einsehen muss: Auch die Konfektionsgröße stimmt nicht mehr. Und in der Tat: Es mehren sich die Anzeichen, dass sich heute im mittel- und westeuropäischen Abendland Ähnliches abspielt wie im Ausgang der Antike; nur umgekehrt: Damals hat sich das Christentum der heidnischen Kulte und Feste bedient, um seine Inhalte zu transportieren. Heute bemächtigt sich eine neuheidnische Religiosität der christlichen Symbole und deutet sie nach ihrem Muster. Otto Normalverbraucher ahmt nach, was in der Weit der Großen en vogue ist. Popsänger, wie jüngst Madonna, imitieren eine Kreuzigung; Fußballstars zelebrieren in den Stadien regelrechte Hochämter; die Konsumtempel der Metropolen werben mit Verheißungen, die Erlösungscharakter haben. Ein Vorgang, der keine weltkirchlichen Ausmaße hat, sondern auf das abendländische Christentum beschränkt ist.

Das Weihnachtschristentum

Die Welle, die seit Jahren über uns hinwegschwappt, hat zwei Gesichter, ein innerkirchliches und ein gesellschaftliches. Innerkirchlich konzentriert sich das, was sich früher für den Christen, aufgefächert in private Andachten, Kirchgang, fromme Erzählungen, Feste, Symbole, auf das ganze Jahr verteilt hat, nun auf das Weihnachtsfest. Zu Beginn des Advents erwacht das gefühlte Christentum und taucht nach dem Dreikönigsfest wieder in das Unterbewusstsein ab. "Weihnachts-Christentum" kann man das nennen.

Auf der anderen Seite gibt es niemanden, der Weihnachten nicht feiern würde. Kein Fest des Jahres übt eine solche Attraktivität aus wie das christliche Weihnachten. Alle feiern Weihnachten, Getaufte und Ungetaufte. An Heiligabend sind die Kirchen brechend voll. In den Buchläden stapeln sich die Bücher überquellend voll mit Sinndeutung und besinnlicher Poesie. Dann das Fest in der Familie: inbrünstige Erinnerungen, Geschenke, leuchtende Kinderaugen.

Theologie und Kirche reiben sich die Augen und stehen betroffen abseits. Mehr noch: Sie bekunden ihr Missfallen.

So geschehen beispielsweise vor einigen Jahren als der heutige Bischof von Essen, Dr. Felix Genn, damals noch Weihbischof von Trier das Dekanat Saarlouis visitierte.

Als er vom „hl. Morgen“ in der Altstadt erfuhr, erschrack er zutiefst und meinte,  dagegen muß die Kirche doch etwas tun. So entstand die Errichtung der Stelle eines Schulpfarrers für die Stadt Saarlouis.

Ich konnte in diesem Jahr zum erstenmal persönlich zw. 10 und 11 Uhr in der Altstadt erleben, was es heißt „hl. Morgen“ zu feiern.

Mag dieser „hl. Morgen“ ursprünglich aus ganz anderen Motiven entstanden sein. (Klassentreffen, Gemeinschaftspflege etc.). Was ich sah bei meinem Rundgang durch die Altstadt, waren ganz viele alkoholisierte Kinder und Jugendliche, die mit Sicherheit Weihnachten nicht mehr mit der Familie, geschweige denn mit der Kirche am hl. Abend  feiern konnten. Diese Kinder und Jugendliche taten mir leid. Ich dachte: auch eine Form Weihnachten zu feiern. Aber für viele junge Menschen kein christl. Weihnachten, sondern leider ein alkoholisiertes Weihnachten.

Das machte mich traurig.

Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass es in diesem Jahr dank der Kontrolle weniger alkoholisierte junge Menschen gab. Und auch weniger Ausschreitungen. Aus kirchlicher Sicht würde ich mir wünschen, dass „dieses Kind“ zunächst einen anderen Namen erhält. Denn dieser hl. Morgen hat nun mit unserem christlichen hl. Abend  herzlich wenig zu tun.

Das mag vor Jahren, als der „hl. Morgen“ ins Leben gerufen wurde anders gewesen sein. Man ging hin, weil man Menschen treffen wollte, die man lange nicht gesehen hatte. Das war sicher eine gute Sache. Aber ich denke diese jungen Menschen vor 15 – 20 Jahren kamen dann wohl kaum alkoholisiert nach Hause, und sie waren damals (und viele sind das wohl heute noch) durchaus in der Lage am hl. Abend das Weihnachtsfest zu feiern wie es Christen feiern. Zu beten, zu singen und sich in großer Dankbarkeit zu freuen, dass Gott seinen Sohn als Kind in die Welt gesandt hat um uns von der Sünde zu befreien.

Stellvertretend für viele sei hier aus Karl Rahners "Kommentar zu Weihnachten" aus dem Jahre 1973 zitiert: "Es ist jedes Jahr dasselbe: etwas ,Stimmung', einige fromme und humanitäre Phrasen, ein paar aufwendige Geschenke (mit der Mühe, sich nachher dafür zu bedanken). Und dann geht alles weiter wie bisher. Wenn man ein Christ ist, hat man die Pflicht, sich über diesen Weihnachtszauber nichts vorzumachen." Der evangelische Pfarrer und Autor geistlicher Lieder Matthias Morgenroth, Hennef, wirbt für eine Neubewertung dieser religiösen Praxis. Was spricht schon dagegen, dass sich das Christentum zur Weihnachtsreligion gewandelt hat? Der universale Kult um die Symbole der Weihnacht, sagt er, offenbare nur, wie sehr diese Symbole allen Menschen, nicht nur den bekennenden Christen, aus der Seele sprechen. Dahinter werde ein Mehrwert an Leben erkennbar, der sich in der rein materiellen Welt niemals realisieren lasse. Freilich bringt das eine gewisse Umwertung ‑ besser Umgewichtung ‑ der christlichen Symbole mit sich. Morgenroth plädiert für eine Art von Paradigmenwechsel: Statt dem Kreuz nun die Krippe als Heilszeichen; Erlösung nicht mehr durch Leiden und Tod, sondern durch Menschwerdung, durch die Geburt Jesu; Eintritt ins Leben, nicht Austritt ins Jenseits. Das komme der heutigen Stimmung, die auf Individualität und gelingendes Leben setzt, besser entgegen als eine barocke Passionsfrömmigkeit.

Die Passion ausgeblendet

So wenig am phänomenologischen Befund auszusetzen ist, so wenig vermag ich der Schlussfolgerung, die Matthias Morgenroth daraus zieht, folgen. WeihnachtsChristentum ist und bleibt eine Restreligiosität, die das Schöne und Anrührende des Christentums zu konservieren sucht, sich aber vom Anspruchsvollen und Herausfordernden zu lösen trachtet. Weihnachts-Christentum ist die Selbstprivatisierung des Christentums, die letzte Stufe vor seiner Selbstabschaffung.

Zurückbleibt immer noch sehr viel, was über das Christentum hinaus verständlich und bedeutend ist, und was Menschen näher an den Glauben heranführen könnte: das Geheimnis des Kindes, die Einfachheit und Demut der Hirten, das alles überstrahlende Licht der Engel. Alles in allem künden diese Elemente von Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit, auf die wir so sehr angewiesen sind. Vieles davon finden wir in den Krippendarstellungen unseres Brauchtums wieder. Doch in ihrem Hang zur Heimeligkeit verniedlichen und verharmlosen diese Darstellungen oft das Schicksal des Menschensohnes. Wer ist sich heute noch darüber im Klaren, wie viel unsere Brauchtumskrippen von dem überspielen, was die obdachlosen Eltern Jesu in einer eiskalten Höhle im Bergland von Judäa tatsächlich vorgefunden haben? Wer aufmerksam dem Neuen Testament folgt, dem wird nicht entgehen, wie dort Krippe und Kreuz, Geburt und Tod des Menschensohnes einander zugeordnet werden. Ohne Tod und Auferstehung Jesu wäre niemals seine Kindheitsgeschichte erzählt worden. Der Weg seiner Letzthingabe führt ihn schlussendlich ans Kreuz. Dort vollzieht sich das Werk der Erlösung; in der Krippe bricht es sich Bahn. Kreuz und Krippe dürfen von daher nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Mit der Etablierung eines "Weihnachtschristentums" müssen wir Acht geben, dass wir den Glauben nicht auf einen allseits genehmen und verträglichen Ästhetizismus reduzieren. Für ihn ist optische und emotionale Verträglichkeit der oberste Maßstab, nicht das, was von sich aus gilt.

Zweifellos gibt es in der gegenwärtigen intellektuellen Kultur Europas eine 'breite Tendenz zur Ästhetisierung, auch der Psychologisierung der Religion. Religion auf das Maß des psychologisch Nachvollziehbaren oder des ästhetisch Gewinnenden zu reduzieren, ist eine weitverbreitete Gangart. Auch wenn sie sich großer Beliebtheit erfreut, bleibt es eine Unart, die an Schamlosigkeit grenzt. J. B. Metz sagt: "Die Weit wird zubereitet zur nouvelle cuisine der Postmodernität" und fährt fort: "Sind aber dieser Euro-Ästhetizismus und Euro-Psychologismus nicht ein Phänomen der Evasion bzw. der Resignation?"

Im gleichen Atemzug meint er einen sog. Euro-Provinzialismus ausmachen zu können. "Gemeint ist eine neue postmoderne Bescheidenheit', das Denken und Empfinden in verkleinerten Verhältnissen und mit verkleinerten Maßstäben ... Der europäische Geist liebt es kleiner." Genau das ist der Fall beim sog. Weihnachts-Christentum, in dem sich unüberwindbare Vorbehalte gegenüber dem Passionsgedächtnis zeigen. Hier offenbaren sich heute deutliche Immunisierungstendenzen gegenüber dem christlichen Credo, in dem sich vom "geboren aus der Jungfrau Maria" über das "gelitten, gestorben und begraben" bis hin zum "am dritten Tage auferstanden" ein großer Bogen spannt. 

Gekürzt um das Passionsgedächtnis des Christentums lässt sich leicht für alle Weihnachten feiern. Jeder verbindet damit etwas ganz Eigenes. Lichtergirlanden umranken fortan statt Kirchenfenster die Schaufensterauslagen der Kaufhäuser. Der Arbeitgeber zelebriert im Advent eine Fete für seine Angestellten, bei der es so richtig zur Sache geht. Politiker entdecken ihr soziales Gewissen. Alte und Kranke können sich vor medienwirksamer Zuwendung kaum noch retten. Einen verbindlichen Kanon, was Weihnachten eigentlich bedeutet, kennt unsere Gesellschaft nicht mehr. Wie hat es Kardinal Ratzinger formuliert: "Weihnachten wieder zurückschneiden ins Einfache, das wäre schon eine große Aufgabe."

Weihnachten wieder neu verständlich machen

Was machen wir mit dem Weihnachtsfest angesichts dessen, dass es längst fremdbesetzt ist von allen möglichen Deutungsmustern? Die Deutungshoheit, die dem Christentum über dieses Fest zugefallen ist, ist ihm abhanden gekommen. Wer weiß eigentlich noch zu sagen, was wir an Weihnachten im Grunde feiern? In frommer Rede hört es sich in etwa so an: Wir sollen uns mit ehrlichem Herzen und offenem Geist darauf einstellen, im Kind von Bethlehem den Sohn Gottes zu erkennen, der auf die Welt gekommen ist, um uns zu erlösen. Doch dieses große Pathos will dem verständigen Menschen von heute verständlich gemacht werden. 

So kann man etwa sagen, mit der Menschwerdung Gottes ist etwas so Gewaltiges geschehen, das nur annähernd mit der Erschaffung der Welt verglichen werden kann. Wenn wir von einer "neuen Weit" reden, darf das nicht in einem innerweltlichen Sinne missverstanden werden. Mitnichten ist gemeint, dass das Christentum die Welt verbessert hätte. Sie geht ihren Gang in der Verderbtheit der Sünde und des Todes, bis Gott sie durch die Wiederkunft Christi richtet. Äußerlich hat sich nichts verändert. Aber die alte Welt ist für das Auge des Glaubens transparent geworden, wohingegen es bisher im Dunkeln geblieben ist, was Gott mit seiner Schöpfung vorhat.

Das historische Ereignis der Geburt Jesu, der sich als der Sohn Gottes offenbaren wird, beendet den Zyklus der alten Welt und führt eine neue Welt herauf, die nunmehr einen Ursprung und ein Ziel kennt, nämlich einzugehen in die Herrlichkeit Gottes. "Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein neuen Schein", wie es in Luthers Weihnachtslied heißt. Oder, um es mit den Worten Dietrich Bonhoeffers zu sagen: "Fortan ist für den, der glaubt, Gott nicht der Fernste, sondern der Nächste." Oder nochmals anders in den Worten des hl. Paulus: "Wir, die wir in der Ferne waren, sind in seine Nähe gekommen." Gott wird Mensch, damit der Mensch göttlich wird. So sagt ein Kirchenvater. Was dazu dem Menschen zu wissen aufgegeben ist, ist seit der Geburt Jesu bekannt. Es umzusetzen braucht es nicht weniger als ein ganzes Menschenleben. Wenn heute vom Dunkel die Rede ist, in welches sich Gott hüllt, dann darf auch die Frage erlaubt sein, ob diese Gottferne unserer Tage nicht auch im Zusammenhang steht mit der Art, wie die große Mehrheit der Christen in unseren Breiten ihr "Weihnachts-Christentum" praktizieren. Es ist die privatisierte Form des Christentums, die auf Distanz gegangen ist zu den Reichtümern und Erfahrungsschätzen der Tradition, und die sich nun mit der aufgeladenen Verantwortung schwer tut, im schummrigen Halbdunkel den Weg durchs Leben zu finden.

Die kirchliche Tradition als Wegweiser

Wer sich auf die jahrhundertealte Tradition einlässt, der bekommt mit der kirchlichen Advents- und Weihnachtszeit einen Spannungsbogen katechetischer Unterweisung geliefert. Im kirchlichen Kalendarium von etwa sieben Wochen, beginnend mit dem Ersten Advent, findet sich das Programm für das neue Menschsein in Christus. Es beginnt zum Ersten Advent mit der Erschütterung über die Endlichkeit unseres Lebens. Ohne diese Erschütterung bleibt der Mensch in seinem Stolz gefangen. Exemplarische Vertreter dieses neuen Lebens sind die großen Gestalten der Heilsgeschichte an der Schwelle zum Neuen Bund: Johannes der Täufer und Maria, die Mutter des Herrn. Sie sind als klassische adventliche Begleiter gleichsam die Pforte, durch die der Gottessohn die Bühne dieser Welt betritt. Und da er sie inmitten der Heiligen Nacht betreten hatte, unerkannt von den Reichen und Schönen, in stiller Übereinkunft mit den Habenichtsen und No Names, den Hirten, da leuchtet fortan sein "Licht in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen". Die Sterndeuter aus dem Osten, die diesem Rätsel auf der Spur waren, gingen mit ihrer Suche nach dem göttlichen Kind in die Unsterblichkeit ein. Gleiches soll auch mir verheißen sein, wenn ich in der Taufe den Namen dieses göttlichen Kindes annehme: Christ soll ich sein, Christus ähnlicher soll ich werden. Mit gutem Grund also schließt der weihnachtliche Festkreis mit dem Fest der Taufe des Herrn.

Ein christlicher Lebensentwurf steht Pate bei der Konzeption des weihnachtlichen Festzyklus, wie ihn die Kirche vorsieht, damit sich der Christ daran anhalten kann bei seiner Gottsuche. Vom Ersten Advent über das Fest der Geburt des Herrn bis zum Fest der Taufe des Herrn geht es darum, sich über diese Zeit hinaus führen zu lassen zur tieferen Erkenntnis Gottes. Denn tausendmal kann Christus zu Bethlehem geboren sein, es wäre umsonst, wenn er nicht in dir geboren wäre (Angelus Silesius).


Von: Pfarrbüro "Hl. Dreifaltigkeit"

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