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20.06.2006 22:30

Caritas-Jahresthema 2006: "Integration beginnt im Kopf"

Caritas-Kampagne unterstützt Miteinander von Deutschen und Zuwanderern.

"Wir sind uns ähnlicher als wir denken." Augenzwinkernd wird das vorgebracht, ohne moralische Attitude.

Die Motive erden das Jahresthema auf dem Boden alltäglicher Erlebnisse.

Teenies mit weißer und dunkler Hautfarbe jubeln ekstatisch einer Rockband zu.

Alltagsgeschichten. Kleine Missgeschicke, Schwächen, die man lieber verstecken würde - sie verbinden im Lachen oder auch im Ärger.

Menschen nach unserem Bild? „Integration beginnt im Kopf. Für ein besseres Miteinander von Deutschen und Zuwanderern“: So lautet das Jahresthema der Caritas für das Jahr 2006. Wie „Integration“ aussehen soll, darüber gibt es zumeist klare Vorstellungen: die „Anderen“, die Fremden sollen unsere Sprache sprechen, sich unsere Traditionen aneignen und sich möglichst in unsere gesellschaftlichen Gepflogenheiten einfügen. Wir haben ein Bild davon, wie sie zu sein haben, und diesem Bild sollen sie sich anpassen.

Der Schweizer Schriftstelle Max Frisch hat sich vehement dagegen gewandt, sich von einem anderen Menschen ein Bild zu machen und ihn danach zu beurteilen. Er schreibt in seinem Tagebuch: „Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfassbar ist.“ „Man macht sich ein Bildnis“, sagt Frisch. „Das ist das Lieblose, der Verrat.“ Es ist die Aufkündigung der Liebe. Ein Mensch, von dem wir uns ein Bild machen, ist „fertig für uns“. Wir legen ihn fest; wir halten „das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende“ nicht aus: „dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden“. „Wir kündigen ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen.“

Wie weit solche Festlegungen gehen können, wie weit sie in Aggression bis hin zur tödlichen Gewalt umschlagen können, dies hat Frisch in seinem Theaterstück „Andorra“ (1961) in einer bis heute bedrückenden Weise gestaltet. Die „Andorraner“, so nennt Frisch die Bewohner eines kleinen Staates, die sich für sehr rechtschaffen halten, fixieren den Jungen Andi darauf, „ein Jud“ zu sein, und sie legen ihn auch in ihrem fest gefügten Wissen darauf fest, was und wie „ein Jud“ ist. Diese Fixierung macht ihn zum Sündenbock für alles, was sie ängstigt und bedroht und führt schließlich zu seinem gewaltsamen Tod.

Bei Max Frisch schwingen die Erfahrungen mit, wie unbarmherzig sein Heimatland, die Schweiz, während der Zeit des Nationalsozialismus mit jüdischen Flüchtlingen umgegangen sind. Und noch lange nach dem Krieg, das wirft er ihnen vor, haben sie jedes Unrechtsbewusstsein von sich gewiesen. Aber für uns, wenn wir seine Texte lesen, geht es nicht um die Schweiz. Es geht um uns. Es geht darum, Menschen auf Zuschreibungen zu fixieren, die ihnen nicht selten zum Verhängnis werden. „Der Jud“ kann durchaus auch für „Asylant“, für „Islamist“, für „Russe“, ja sogar für „Ausländer“ allgemein stehen – und natürlich nach wie vor für „ein Jud“. Das alles spielt sich nicht nur in einem Theaterstück ab.

„Integration beginnt im Kopf.“ Sie beginnt dort, wo wir uns selbstkritisch mit unseren Bildern von anderen Menschen auseinander setzen und wo wir offener dafür werden, dass der Andere anders sein darf und dennoch unser Mitmensch ist.

 

Hintergrund der Kampagne

"Die Integration der in Deutschland lebenden Migranten ist eine existenzielle Zukunftsfrage für die Gesellschaft. Die Caritas als Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche und als Teil der Zivilgesellschaft sieht sich hier in einer besonderen Verantwortung, gelingende Integration zu unterstützen" betonte Peter Neher, Caritas-Präsident, bei der Vorstellung der Jahreskampagne 2006 des Deutschen Caritasverbandes (DCV) heute in Berlin.

Rund 14 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben in Deutschland. Auf das Gemeinsame zwischen Deutschen und Zuwanderern weist die Kampagne der Caritas im kommenden Jahr hin. Die Motive der Kampagne "Integration beginnt im Kopf. Für ein besseres Miteinander von Deutschen und Zuwanderern." zeigen Alltagssituationen. Ein Beispiel: Zwei alte Herren unterschiedlicher ethnischer Herkunft spielen zusammen Schach. Die Bilder erzählen von gemeinsamen Interessen und betonen das Verbindende. Das Ziel der Kampagne ist es, die gegenseitige Akzeptanz zu stärken und Ängste abzubauen. Erneut hat die Düsseldorfer Agentur BBDO die Entwicklung und Realisierung der Kampagne unentgeltlich übernommen.

Gelingende Integration erfordert jedoch auch politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die das Zusammenleben fördern. Dazu gehört beispielsweise, die europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien in ein nationales Antidiskriminierungsgesetz umzusetzen und eine Bleiberechtsregelung für langjährig geduldete Ausländer zu schaffen. Wesentlich sei auch die bessere Eingliederung von Migranten in den Arbeitsmarkt, sagte Präsident Neher vor Journalisten in Berlin. Diese seien von Arbeitslosigkeit erheblich stärker betroffen als die übrige Bevölkerung und trügen ein drei Mal so hohes Armutsrisiko.

Kinder mit Migrationshintergrund sollen in den Kindertagesstätten der Caritas in besonderer Weise beim Erwerb der deutschen Sprache unterstützt werden. Dies ist Teil der vom DCV ins Leben gerufenen Befähigungsinitiative für benachteiligte Kinder und Jugendliche.

Rund 850 Mitarbeiter der Migrationsdienste der Caritas unterstützen bundesweit Migranten beim Erlernen der Sprache, bei der Qualifizierung und der Arbeitssuche und fördern den Dialog der Kulturen und Religionen.

 


Von: Thomas Broch

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