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27.01.2008 14:57

Licht sein: "Christen sind gefragt und müssen endlich aus ihren Schlupflöchern heraus"

Pfarrer Dehm am 20. Januar: "Menschen suchen wieder verstärkt nach dem, was zählt und bleibt."

Der Clown und der brennende Zirkus

Schon vor vielen Jahren veröffentlichte der damals noch junge Theologe Josef Ratzinger, heutzutage besser bekannt als Papst Benedikt XVI., sein äußerst lesenswertes Buch „Einführung in das Christentum“. An den Anfang dieses Buches stellte er eine anschauliche Gleichniserzählung: In einem Zirkus war ein Feuer ausgebrochen, und ausgerechnet der schon für die Vorstellung gekleidete und geschminkte Clown wird dazu bestimmt, in die nahe gelegene Stadt zu laufen, um Hilfe zu holen. So rennt er also in seiner Komödiantenkluft durch die Straßen und brüllt: „Feuer, Feuer!“ Sehr zum Ergötzen der Bürger, die das Ganze für einen mehr oder weniger gelungenen Trick halten, um die Leute zum Besuch des Zirkus zu bewegen. Niemand nimmt den professionellen Spaßmacher ernst, niemand glaubt seiner Botschaft, bis das Feuer ihre Wohnstätten in Schutt und Asche legt. Natürlich sieht Ratzinger die Christen in der Rolle des Clowns. Sie haben eine „brennende“ Botschaft zu übermitteln, doch niemand glaubt ihnen, weil sie immer so komisch wirken.

Christen im Narrenkostüm

Rollen legen fest. Von einem Clown erwartet man nur Komisches, von einem Pfarrer oder einem engagierten christlichen Laien nur Frommes, und in dieser Rolle kann es auch vorkommen, dass sie wirken wie ein Clown und dass ein spottlustiges Publikum sie als „Himmelskomiker“ bezeichnet. Es ist nun müßig, darüber zu streiten, ob wir uns diese Rolle aus eigener Schuld oder aus der Missgunst unserer Mitmenschen heraus erworben haben. Wie auch immer, gerade bei einem Pfarrer argwöhnen die Menschen, dass er gar nicht aus sich heraus sprechen könne, dass er vielmehr in seinem ganzen Lebensentwurf abhängig sei von den religiösen Dogmen und, fast noch schlimmer, dass schließlich auch sein Lebensunterhalt darauf gebaut sei, zu sagen, was er eben sagen muss. Er ist Knecht des himmlischen Oberhaupts oder auch der Kirche. Knechten aber glaubt man nicht so recht, warum spricht denn nicht der Chef persönlich?

Vom Knecht zum Licht für die Völker

Wir natürlich, aus unserer Sicht, empfinden ganz anders, allerdings auch darin vergleichbar mit dem Clown in der gleichnishaften Erzählung. Er weiß ja sehr genau, wie wahr und dringlich seine Nachricht ist. So fühlen wir uns berufen, die Wahrheit, die Botschaft von einer bedrohten Welt, die aber im Kern schon gerettet und geheilt ist, zu verkünden. Aber wir leiden daran, dass nur Menschen, die ohnehin schon Insider sind, auf unsere Worte hören wollen. Und doch ist uns der christliche Glaube, die Frohbotschaft vom Reich Gottes eingegeben, beinahe schon vom Mutterleib an, ähnlich wie schon der Prophet Jesaja seine Berufung sah. Aber auch im Text der heutigen Lesung klingt das beschriebene Problem an. Jesaja versteht sich als Knecht Gottes und er sieht darin keineswegs eine Schande, sondern eine Ehre und seine Stärke. Aber ein Knecht wird eben als Abhängiger gesehen, als einer, dessen Wort man nicht so recht trauen kann. Doch Gott geht mit seinem auserwählten Propheten ein Stück weiter: Mehr als Knecht soll er sein, „Licht“ soll er werden. Licht leuchtet aus sich heraus. Es ist einfach da. Und es wird umso leichter wahrgenommen, je tiefer die Finsternis ringsum ist. Es ist für alle da, die bereit sind, die Augen zu öffnen. Andererseits zwingt es nicht. Man kann sich ihm nähern, muss aber nicht.

Die Welt wartet auf unsere Botschaft

Es hat keinen Sinn, so offenbart Gott dem Jesaja, dass nur ein Volk von Eingeweihten die Botschaft vernimmt. Das Licht soll vielmehr für alle Völker da sein. Nehmen wir uns diese Botschaft zu Herzen. Sie hat damals wie heute zwei Konsequenzen. Einmal: Wir müssen raus aus einer Rolle, in der man uns immer nur „fromme Sprüche“ zutraut, so wie man von einem Clown immer nur Komisches erwartet. Wenn wir von Knechten zum selbststrahlenden Licht werden wollen, dann ist unsere ganze Persönlichkeit gefordert. Es ist ganz bestimmt nicht falsch, dort Zeugnis abzulegen vom Glauben, wo das erwartet wird, sonst wäre ja auch diese Predigt hier und jetzt sinnlos. Zweitens: Es ist aber oft noch wichtiger, dort vom Glauben zu sprechen und vor allem, entsprechend zu handeln, wo das weniger erwartet wird. Dort tragen wir auch nicht dieses fragwürdige Clowns-Kostüm. Ganz offensichtlich ist damit nicht gemeint, dass wir, gewissen Sektenmitgliedern vergleichbar, uns in Fußgängerzonen und Kaufhauseingängen stellen, um dort Schriften anzubieten. So kämen wir kaum aus der aufgesetzten Rolle heraus. Gefragt ist das Zeugnis im Alltag, im Familienleben, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Sportverein. Ich glaube, dass es uns hier an Mut mangelt, uns als Christen zu bekennen, ebenso unaufdringlich wie klar und eindeutig. Dabei denke ich, dass Menschen auf dieses Zeugnis warten. Angeödet von dem ewigen Tretrad aus Arbeit, Mehr-verdienen, Freizeit-„Events“, enttäuscht von den allmählich als leer und hohl durchschauten Versprechungen der Werbung, suchen Menschen wieder verstärkt nach dem, was zählt und bleibt. In diesem Zusammenhang möchte ich einmal das Phänomen der vielen Millionen Muslime in unserem Land als eine positive Herausforderung verstehen. Sie sind oft viel stärker in ihrer Glaubens- und Bekennerkraft, und damit sind sie uns überlegen, angesichts der bei uns vielfach noch herrschenden Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit in religiösen Fragen. Sie bringen uns dazu, uns auf unsere eigenen Wurzeln und Quellen zu besinnen, und die sind wahrhaftig nicht schlecht. Bloßer Materialismus, Atheismus und Nihilismus sind ihrer Glaubenskraft ganz bestimmt nicht gewachsen. Wir Christen sind gefragt, und wir müssen uns endlich aus unseren Schlupflöchern herausbemühen.

Licht für alle

Licht sein für die Menschen – diese Gabe und Aufgabe, das ist es, was uns Christen in unserer Zeit zukommt und was mehr denn je von uns erwartet wird. Es wird uns dann gelingen, wenn wir aus freier Überzeugung als freie Menschen sprechen und handeln und das gerade dort, wo man es eigentlich am wenigsten erwartet: dort wo die Finsternis am größten und ein Licht am meisten ersehnt und erhofft wird.

Predigt "Mehr als Knechte" vom 2. Sonntag im Lesejahr A, 20. Janaur 2008. Grundgedanken stammen "Gedanken aus der Predigt - Dienst am Wort", Ausgabe 2008/1, Schwabenverlag.


Von: Pfarrer Rolf Dehm

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