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02.11.2006 21:48

Kurzbetrachtung: "Schluss mit der Kirche in der Nachbarschaft?"

Über Herausforderungen, die über die Zukunftsfähigkeit der Kirche entscheiden.

Im Projekt 2020 diskutieren die Gremien der Pfarreien im Bistum Trier über die Erneuerung der Kirche.

Dass die Kirche sich in einer Umbruchsituation befindet, bestreitet niemand, es sei denn, er flüchtet sich in fromme Illusionen.

Am eigenen Leib erfährt dies der aktive Katholik am ehesten bei den massiven Veränderungen, was die herkömmliche Pfarrgemeinde angeht. Büchertitel der letzten Zeit signalisieren diese Herausforderung: „Aufbrechen oder Untergehen“ heißt eine Streitschrift zu diesem Problem. Doppeldeutig ist ein anderer Titel: „Kirche die über den Jordan geht“. Ein Weihbischof nennt sein Buch „Gemeinde in mobiler Gesellschaft“, und wieder ein anderes Werk lockt zum Lesen mit „Gemeinde – Ernstfall von Kirche, Annäherung an eine historische und systematisch verkannte Wirklichkeit“.

Und nenne ich noch „Zukunftsoffene Gemeindeentwicklung“ und „Mut zum Aufbrechen. Impulse für die Zukunft der Gemeinde“, dann wissen wir, wo es brennt. In der „Herder Korrespondenz“ widmet Alexander Foitzik dem Thema „Kirche in der Nachbarschaft“ einen ausführlichen Beitrag. Ist das Ganze nun nur Provokation oder gilt es für Laien und Priester, diese Herausforderung anzunehmen?

In der Um- und Neuorientierung der Pastoral hat das Thema Pfarrgemeinde vordringliche Aufmerksamkeit gewonnen. Die herkömmliche Pfarrgemeinde, über Generationen hindurch die Sozialgestalt der Kirche schlechthin, geriet in die Krise. Die Heimatgemeinde, meist identisch mit dem Viertel oder dem Ort, in dem man wohnte, war der Raum, um Kirche hautnah zu erfahren. Die Leute sagten gerne: unser Pastor, unsere Kirche, unsere Pfarrei. Vielleicht wurden deshalb in den Jahren nach dem Krieg, als viel Geld vorhanden war und der Priestermangel sich so noch nicht abzeichnete, neue Pfarreien gegründet und neue Kirchen gebaut.

Inzwischen nimmt die pastorale Großraumplanung zu. Ist die Installation immer größerer Pfarrverbände und Seelsorgeeinheiten überhaupt aufzuhalten? Sicher ist, dass damit einhergeht der schmerzliche Verlust von überschaubarem kirchlichen Lebensraum und von Liebgewonnenem. In den einschlägigen Referaten der Diözesen wird zwar eifrig nach Modellen gesucht, um aus der offenkundigen Notlage herauszukommen. Aber werden spirituelle Zentren, wird Großraumseelsorge, Passanten- oder Citypastoral die Sehnsüchte nach kirchlicher Beheimatung erfüllen können? Wie wird sich in den neuen Formen die Weitergabe des Glaubens lebendig gestalten?

Zum Beispiel in einer bisherigen Pfarrei mit rund 2000 Seelen, wo keine Sonntagsmesse mehr angeboten wird? Wie viel von den Plänen und Maßnahmen wird „theoretischer Anspruch“ bleiben? Niemand kann sagen, wie der pastorale Umstrukturierungsprozess enden wird. Nicht nur der Priestermangel hat ihn ausgelöst, auch die moderne Mobilität, die veränderten Lebensrythmen der Menschen, die zunehmende Anonymität und Individualisierung. Noch gibt es zum Glück vitale Gemeinden. Aber dass sich da und dort Unbehagen und Vereinsamung breit macht, ist nicht zu leugnen.

Papst Benedikt XVI. ahnt wohl, was auf dem Spiel steht, mahnte er doch im Münchener Liebfrauendom: „Euch bitte ich, alles zu tun, damit die Pfarrei eine innere Heimat für die Menschen wird, eine große Familie, in der wir zugleich die noch größere Familie der weltweiten Kirche erleben.“

„Über den Jordan gehen“ ist doppeldeutig. Als die Israeliten damals den Jordan überschritten, ließen sie vierzig Jahre ihrer Geschichte hinter sich. Sie betraten neues Land. Das war damals ein Gewinn.

 


Von: Pfarrer Rolf Dehm

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