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30.09.2008 22:11

Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels aktiv annehmen: "Kirche ist immer ein Provisorium, das sich verändern muss"

Pfarrer Dehm über die Folgen des "Kirchenschwänzens" für die Gesellschaft / Aufruf zur Befragung "Kirche der Zukunft" des Dekanats Saarlouis.

Bei den deutschen Schulbehörden schrillen die Alarmglocken. Die Zahl der Schulschwänzer nimmt von Jahr zu Jahr zu. Man spricht von einer halben Million Schüler, die sich der Schulpflicht regelmäßig entziehen. In Großstädten geht die Polizei von Montag bis Freitag auf Streife, um Schulschwänzer aufzugreifen und gewaltsam in die Schule zu bringen.

Wenn man die Schulschwänzer fragt, warum sie dem Unterricht fernbleiben, dann antworten sie, dass es in der Schule langweilig sei; dass sie keinen Lust hätten, und dass ihnen manche Lehrer unsympathisch seien. Die Polizisten und die Schulpsychologen versuchen ihnen klarzumachen, dass es Sinn macht, in die Schule zu gehen und zu lernen. Ohne Schulabschluss vermindert sich die Chance auf dem Arbeitsmarkt. Ohne Schulabschluss steht nicht nur die berufliche Zukunft unter einem schlechten Stern. Das mag den meisten ja noch einleuchten, aber dann müsse die Schule eben attraktiver sein, so dass man Lust hat, hinzugehen. Der Frust kann nur überwunden werden, wenn man sich zwingt. Das müssen die Schulschwänzer allmählich begreifen lernen. Wenige Dinge im Leben machen von vornherein oder auf Dauer Spaß. Man muss Durststrecken aushalten, um zum Erfolg zu kommen. Die Schulschwänzer von heute sind die Arbeitsscheuen von morgen. Sie halten keine Belastung aus. Sie versagen bei jeder Schwierigkeit. Sie werden weder gute Hausfrauen noch gewissenhaft in ihrem Beruf sein. Man tut also Kindern keinen Dienst, wenn man ihnen nicht hilft - und dies manchmal sehr nachdrücklich -, ihre kleinen und großen Pflichten zu erfüllen. Wer in einer Fußballmannschaft mitspielen will, muss zum Training kommen. Wer in einer Musikkapelle mitspielen will, muss zu den Proben erscheinen.

Und wie ist es im religiösen Leben?

Da breitet sich mehr und mehr die Ansicht aus, das sei nicht so wichtig. So alarmierend die hohe Zahl von Schulschwänzern ist und so lobenswert der Einsatz von Polizei und Schulpsychologen, noch viel alarmierender ist die noch weit höhere Zahl von Kirchenschwänzern am Sonntag. Vielen Erwachsenen ist das Bewusstsein abhanden gekommen, dass es in diesem Leben um eine Ewigkeit geht. Der Sonntagsgottesdienst gehört für den Christen zu den Pflichten, die er nicht vernachlässigt, ohne an sich und anderen schuldig zu werden. Der Glaube schwindet überall dort, wo nicht mehr gebetet wird. Der Glaube stirbt überall dort ab, wo sich die Kirchen am Sonntag leeren. Es gab Zeiten, in denen es der Obrigkeit nicht gleichgültig war, ob jemand am Sonntag in die Kirche ging oder nicht. Kaiser Karl der Große (+814) verhängte harte Strafen über Leute, die dem Gottesdienst fernblieben. Es standen darauf hohe Bußgelder bis hin zum Wert eines Pferdes. So hoch schätzte der Kaiser das Gebet ein und die Mitfeier des Gottesdienstes. Noch in Polizeiverordnungen des 18. Jahrhunderts gehört das Versäumen des Sonntagsgottesdienstes zu den strafbaren Handlungen. Es ging der Obrigkeit dabei freilich auch um eine Wertevermittlung durch die Predigt. Man betrachtete die Kirche als Helferin zu einem ordentlichen Leben.

Kirchenschwänzen war immer das Zeichen eines religiösen und moralischen Niedergangs.

Die Reformationszeit belegt dies ebenso wie die Zeit der Aufklärung. Freilich, wenn der Tiefpunkt erreich war, kam es auch zu einer Wende, zu einer religiösen und moralischen Erneuerung. Während Schulschwänzen nur Kinder und Jugendliche betrifft, ist das Kirchenschwänzen auch unter allen anderen Altersgruppen vertreten. Es gibt Umfragen, warum Menschen der Kirche fernbleiben. Es sind die gleichen Antworten, die von den Schulschwänzern gegeben werden: Es wird gesagt, man haben keine Lust. Der Gottesdienst sei langweilig. Der Pfarrer sein einem nicht sympathisch. Er predigt zu lange. Jetzt wären Psychologen an der Reihe, um klarzumachen, dass Vorurteile Frust erzeugen; dass der Gottesdienst mir mehr gibt, als ich dabei an Zeit investieren muss. Langweilig ist er nur für den, der nicht mitbetet und nicht mitsingt. Und schließlich, dass es gar nicht auf den Pfarrer ankommt, denn Christus ist es, der am Altar handelt.

Es wird schwer sein, erwachsenen und jugendlichen Kirchenschwänzern das klarzumachen, noch schwerer aber den Kindern unter den Kirchenschwänzern, denn die schauen auf das Vorbild der Erwachsenen. „Das Buch, in dem die Kinder lesen, ist das Beispiel der Eltern.“ Die Folgen für die Wirtschaft, auch für das Anwachsen sozialer Probleme, die durch Schulschwänzen hervorgerufen werden, abgesehen von den Kosten, die bereits heute durch Polizisten und Schulpsychologen erwachsen, sind bekannt. Die Folgen für unsere Gesellschaft, für das Zusammenleben der Menschen, für die Wertehaltung, die durch Kirchenschwänzer entstehen, ganz abgesehen von den Folgen für die Ewigkeit, sind nur erahnbar. Deshalb wird es höchste Zeit, dass Christen „Zukunft gestalten, Visionen entwickeln“.

Wir alle haben es doch miterlebt, wie sehr die Gesellschaft, in der wir leben , sich in den letzten Jahren verändert hat und wie rasant sie sich weiter verändert. Vieles, was durchaus wertvoll war und auch heute noch als wertvoll anzusehen ist, ist bereits weggebrochen. Besuch der Sonntagsgottesdienste, Werktagsgottesdienste (3% der Gottesdienstbesucher in Fraulautern). Die Kirchen am Sonntag werden immer leerer, ganz zu schweigen von der Eucharistiefeier an Werktagen.

Wir stehen inmitten eines gesellschaftlichen Wandels, der beinahe alle Teilbereiche unseres Lebens berührt. All diese gesellschaftlichen Veränderungen gehen nicht spurlos an uns vorüber und haben natürlich auch Auswirkungen auf das kirchliche Leben in unseren Pfarrgemeinden, die ja Teil des gesellschaftlichen Lebens sind.

In unseren Pfarreien und Gemeinden erleben wir, wie sich das kirchliche Leben verändert hat und sich noch mehr verändern wird. Diese Veränderungen im innerkirchlichen Bereich haben vielfaltige Ursachen. Nur einige seien benannt:
• Die Zahl der katholischen Christen ist in den letzten Jahrzehnten in unserem Land stark zurückgegangen.
• Junge Leute müssen wegziehen, um anderswo einen Arbeitsplatz zu haben.
• Es werden weniger Kinder geboren. Es gibt Kirchenaustritte und lautloses Wegbleiben aller Generationen von der Gemeinde.
• Nicht zuletzt stehen aufgrund sinkender Kirchensteuern für die kirchliche Arbeit künftig erheblich weniger finanzielle Mittel zur Verfügung.
• Es gibt weniger Priester und pastorale Berufe wie Pastoral- und Gemeindereferenten für den Einsatz in der Seelsorge.
• Schon seit vielen Jahren haben etliche Pfarreien keinen Priester mehr, der noch in der Gemeinde wohnt. Sie müssen sich ihn teilen mit zwei, drei oder noch mehr Pfarreien.

Die Kirche hat immer wieder im Lauf der Jahrhunderte mit solchen Veränderungen leben müssen. Kirche ist immer ein Provisorium, etwas Vorläufiges, das sich auch verändern muss. Heute stehen wir eben vor der Herausforderung, auch mit weniger Geld und weniger Personal den Grundauftrag der Kirche zu erfüllen: Das Evangelium den Menschen nahe zu bringen und tätige Nächstenliebe zu üben. Veränderungen haben zunächst immer etwas mit Abschied zu tun. Das tut weh, wie wir nur allzu gut wissen. Veränderung heißt aber auch Neubeginn: Wir gewinnen Neues, vielleicht sogar Besseres.

Bevor man losgeht, sind Ideen und Visionen nötig, die die Richtung des Weges vorgeben, der angegangen werden soll. Uns es ist gut, wenn viele Ideen und Visionen zusammen getragen werden, damit sich viele zusammen auf diesen Weg machen. Daher hat die Leitung des Dekanates Saarlouis im Auftrag der Dekanatskonferenz beschlossen, in den nächsten Monaten Vertreter von kirchlichen und gesellschaftlichen Gruppierungen nach ihren Perspektiven für die Kirche der Zukunft im Dekanat zu befragen. So bitten wir auch Sie Antwort zu geben auf die beiden folgenden Fragen:

1. Wo und wie erleben Sie derzeit Kirche?

2. Beschreiben Sie in Stichworten ein „Bild“ Ihrer Kirche der Zukunft, die Gottes Liebe zu den Menschen deutlich macht.

Die Ergebnisse dieser Befragungen werden anschließend von der Leitung des Dekanates gesichtet und sortiert, die Gremien des Dekanates werden dies dann beraten, Optionen abgeben und Entscheidungen fällen zur künftigen Gestaltung der Pastoral im Dekanat Saarlouis.


Von: Pfarrer Rolf Dehm

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