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01.06.2006 18:37

"Die Welt zu Gast bei Freunden": Gastfreundschaft in biblischer Perspektive

Der Beitrag zeigt, dass das Motto der Fußball-WM zu einer Herzensangelegenheit der Christen wird.

Jubel im Stadion

"Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt" (Hebr 13,2).

Anstoß – warum der Bibel Gäste heilig sind

Als der Knecht Abrahams vor der Stadt Nahors in Mesopotamien ankommt und er Rebekka um ein wenig Wasser bittet, lässt sie ihn sofort aus ihrem Krug trinken. Dann sagt sie "Auch für deine Kamele will ich schöpfen, bis sie sich satt getrunken haben". Sie erfüllt den Wunsch des Fremden im Übermaß und sorgt sich ebenso für ihn wie für seine Tiere. Auch auf die Frage nach einer Herberge antwortet sie ohne Zögern: "Stroh und Futter haben wir reichlich, auch Platz zum Übernachten". Als ihr Bruder Laban dann von der Ankunft des Knechtes hört, geht er ihm entgegen und sagt: "Komm, du Gesegneter des Herrn! Warum stehst du hier draußen? Ich habe das Haus aufgeräumt und für die Kamele Platz gemacht" (Gen 24). Die Bereitschaft, ohne Zögern zu geben, die Offenheit für das Fremde und der Wille zur Begegnung gehören zur gelingenden Gastfreundschaft, die für die Bibel eine Selbstverständlichkeit ist. Darin spiegelt sich nicht nur die fehlende Infrastruktur eines ausgebauten Netzes von Gaststätten und Hotels in der vorrömischen Antike. Auch lässt sich die Gastfreundschaft nicht auf das kulturgeschichtlich bedeutsame Ideal des durchreisenden Gastes und das Gebot seiner Aufnahme in halbnomadischen und nomadischen Gesellschaften reduzieren. Mit der Aufnahme, Beherbergung, Bewirtung und dem Schutz des Gastes steht für die Bibel mehr auf dem Spiel.

Gastfreundschaft ist ein Sinnbild für das erbarmende Handeln Gottes, seine gnädige und ungeschuldete Zuwendung den Menschen gegenüber und zugleich für die nach außen gerichteten Liebe des Menschen seinem Nächsten gegenüber (Mt 10,40; 25,35.40; Lk 9,48; 14,15-24; Joh 13,20; Röm 12,13 u.a.m.). Deshalb ist die Bibel voll von Bildern und Erzählungen, in denen Gäste und Gastfreundschaft eine wichtige Rolle spielen. Die Begegnung im Gastmahl oder dessen Verweigerung, die Gefährdung des Gastes oder das Gelingen der Gemeinschaft werden dabei gleichermaßen thematisiert. In vielfacher Variation wird die Offenheit gegenüber Fremden als Gästen durch ein Prinzip der Gegenseitigkeit begründet: "Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott" heißt es in Lev 19,34. Jeder ist Ausländer – fast überall.

Raumaufteilung – das Fremde als Bedrohung

Das zu Beginn gegebene Zitat aus dem Hebräerbrief (Hebr 13,2) bezieht sich auf die Erzählung der drei Männer, die Abraham besuchen (Gen 18). Abraham bewirtet sie mit Offenheit und Großzügigkeit, ohne zu wissen, wen er vor sich hat. Die Begegnung mit dem Fremden kann unerwartet Begegnung mit Gott sein. Dabei weiß die Bibel durchaus von Vorbehalten und Reserven, ja vielfach auch von schroffer Ablehnung der Fremden. In ihren Erzählungen thematisiert sie gerade den Widerstand gegen eine solche Haltung. Als Lot die Männer in Sodom in die Stadt eintreten sieht, drängt er sie, ihnen Schutz für die Nacht zu gewähren: "Meine Herren, kehrt doch im Haus eures Knechtes ein, bleibt über Nacht, und wascht euch die Füße! Am Morgen könnt ihr euren Weg fortsetzen. Nein, sagten sie, wir wollen im Freien übernachten. r redete ihnen aber so lange zu, bis sie mitgingen und bei ihm einkehrten. Er bereitete ihnen ein Mahl, ließ ungesäuerte Brote backen, und sie aßen" (Gen 19,2f). Es kommt wie es kommen musste. Die Bewohner Sodoms empfinden die Gäste als Eindringlinge, pöbeln und wollen die Fremden auf ihre Kosten demütigen. Lot allerdings tritt im wahrsten Sinne dazwischen. Er nimmt die Fremden unter seinen Schutz und tritt bis zum Äußersten für sie ein. Was uns heute zu Recht aufschreien lässt, ist die erzählte Aufgipfelung des Gastrechtes: Der Schutz der Gäste ist Lot sogar mehr wert als seine Töchter und auch als sein eigenes Leben. Die Männer geben jedoch nicht nach und prügeln auf Lot ein. Gottlob wird die Eskalation der Gewalt durch das Eingreifen der göttlichen Boten beendet. Zum guten Gastgeberstatus gehört auch die Zivilcourage, für die Gäste einzutreten, wenn es ernst wird. In der Lot-Erzählung wird das durch Rettung belohnt.

Übersteiger – eigene Grenzen sprengen

Die Erfahrung des eigenen Fremd-Seins in Ägypten gehört mit zu den immer wieder vorgetragenen Motivationen für die Gastfreundschaft. In Ägypten wurde erlebt, wie Israel ausgenutzt, als Fremder versklavt und unterdrückt wurde. Indem Gott das Schreien des Volkes in der Unterdrückung gehört hat und sein Volk zur Freiheit befreit hat, hat er die Haltung der Fremdenfeindlichkeit scharf verurteilt und die Gastfreundschaft als bleibende Aufforderung legitimiert. Deswegen bestimmt die Tora: "Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen" (Ex 22,20; 23,9; Lev 19,33). Dennoch ist die Begegnung mit dem Fremden unheimlich, mit Ängsten und auch tatsächlichen Risiken behaftet. Deshalb erfordert sie das Aufbrechen verkrusteter Strukturen und das Sprengen eigener Grenzen und Begrenzungen. Die Gastfreundschaft erfordert, ein Stück von sich selbst herzugeben. Dass aber Menschsein gerade darin und im Übersteigen der eigenen Grenzen erfahren wird, das macht die Bibel in vielen Erzählungen deutlich: Da ist die Witwe, die sich auf die Versorgung des Propheten Elija einlässt, obwohl ihre Vorräte in der Dürreperiode schon zur Neige gegangen sind. Wunderhaft erfüllt sich daraufhin das Wort Elijas und Ölkrug und Mehltopf werden nicht mehr leer. "Darin spiegelt sich eine Grunderfahrung gelungener Gastfreundschaft. Das Teilen von Wenigem führt unverhofft zu mehr, führt geradezu zu Reichtum. Die Logik von Leistung und Besitz lässt sich in der Zuwendung zu anderen Bedürftigen durchbrechen" (Ruth Scoralick).

Jubel – gemeinsame Freude vor Gott

Die Begegnung mit dem Fremden kann als Bereicherung des eigenen Lebens erfahren werden, wenn Grenzen durchbrochen werden. Leben heißt – biblisch gesehen – vor allem in Beziehung stehen. Und dazu gehören ganz wesentlich die Freude und der Jubel. Mit anderen gemeinsam zum rechten Zeitpunkt im Hier und Jetzt in Freude zu genießen, das gehört zum Leben wesentlich dazu. "Es gibt kein Glück, es sei denn, der Mensch kann durch sein Tun Freude gewinnen. Das ist sein Anteil. Wer könnte es ihm ermöglichen, etwas zu genießen, das erst nach ihm sein wird?" (Koh 3,22). Weil Lebensfreude und Jubel Zeichen der Gottesnähe sind, gehört zum Menschsein das Feiern und das Fest. Im Deuteronomium wird diese Einsicht zu einer Festtheorie erweitert, die ausdrücklich die eigenen Grenzen immer neu sprengt. Gäste und Fremde sollen mit hinein genommen werden in den Jubel des Festes: "Du sollst vor dem Herrn, deinem Gott, fröhlich sein, du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, auch die Leviten, die in deinen Stadtbereichen Wohnrecht haben, und die Fremden, Waisen und Witwen, die in deiner Mitte leben. Du sollst fröhlich sein an der Stätte, die der Herr, dein Gott, auswählt, indem er dort seinen Namen wohnen lässt". (Dtn 16,11).

Endspiel – Gottes Gastfreundschaft

Die Bibel ist überzeugt davon, dass der Grund für die Freude im Fest nicht im Menschen selbst gründet, sondern in Gottes freier Zuwendung (Ps 23,6). Der Gottesberg Zion wird zum Ort, an dem das erlebbar wird. Dass wir nur Gast auf Erden sind (Ps 119,19), lässt die Hoffnung keimen, dass Gott der freundlich aufnehmende und überreich gebende Gastgeber ist (Ps 39,13). Diese Hoffnung greift über Israel aus auf alle Völker, die zum Zion strömen und Gottes Gastfreundschaft genießen. Immer neu ergeht der Aufruf: „Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jauchzt Gott zu mit lautem Jubel!“ (Ps 47,2). In dem Hoffnungsbild der Völkerwallfahrt wird die Vorstellung von Gottes Gastfreundschaft im gemeinsamen Festmahl, das alle Grenzen sprengt, aufgegipfelt: "Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten, erlesenen Weinen. Er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt. Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht" (Jes 25,6-8*). Der Anfang für diese Hoffnungsvision wird in der mitmenschlichen Gastfreundschaft gemacht (1Petr 4,7-10).

Literatur:

Ruth Scoralick, Von Mehltöpfen, die nicht leer werden, und Gästen die nicht schlürfen dürfen, Katechetische Blätter 30 (2005) 204-207.

Josef Schreiner, Gastfreundschaft im Zeugnis der Bibel, Trierer theologische Zeitschrift 89 (1980) 50 - 60.

Informationen zum Autor

Christian Frevel ist Prof. für Altes Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

 


Von: Prof. Christian Frevel, Bochum

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